als das wünschen noch geholfen hat ... aktuell      archiv logoklein


auszug aus dem pressespiegel:



als das wünschen noch geholfen hat …
eine Installation von wienstation
im Rahmen von »Dichter Herbst«, Oktober 2007


... mit der Installation als das wünschen noch geholfen hat ... lanciert das Künstlerkollektiv wienstation einen (sprach)kritischen Beitrag zum
Übervater der Motivforschung Ernest Dichter. [...] Im Rahmen des Festivals »Dichter Herbst«, das den 100. Geburtstag des US-amerikanischen wissenschaftlichen Pioniers österreichischer Herkunft zum Anlass hat, adaptierten die wienstationisten ihren gleichnamigen, am Wiener Gürtel gelegenen Aktions-Raum zu einem kargen Andachtsraum, in
dem einzig das auditive Erleben im Vordergrund steht. In Form einer geloupten Toninstallation präsentiert sich eine dichte Collage von Textabschnitten aus Dichters Klassiker Handbuch der Kaufmotive.
Der Sellingappeal von Waren, Werkstoffen und Dienstleistungen aus dem Jahr 1964. Diese aufschlussreiche Zusammenstellung vermag Einblicke in Dichters wissenschaftliche Arbeit zu geben, die als eine Art Psychoanalyse der uns umgebenden Warenwelt daherkommt. [...] Der Forscher gesteht den Dingen (und damit allen Konsumgütern) eine »Seele« zu, die es mit dem Repertoire an qualitativen empirisch-sozialwissenschaftlichen Methoden aufzudecken und zu beschreiben gilt, um derart Einsichten in die geheimen, oft uns selbst verborgenen Kauf-Motivationen zu gewinnen. Der sprachliche Duktus im Handbuch ist typisch für Dichter, dem nicht daran gelegen war, im wissenschaftlichen Elfenbeinturm zu verharren, sondern durch populäre Darstellungen ein Anwenderwissen zur Verfügung zu stellen. Kontrahenten haben ihm – zu Recht oder Unrecht, das sei dahingestellt – vorgeworfen, er produziere ein Wissen zur Beeinflussung und Verführung von Menschen,
wie es die Werbepsychologie bis heute nach wie vor handhabt oder zu handhaben glaubt. [...] Den wienstation-AktivistInnen geht es jedoch weniger um einen Dichter-»Schnellkurs«. Vielmehr bringen sie es zustande, ohne Dichter dabei zu desavouieren, mit ausschließlich paralinguistischen Mitteln Distanz zu seinem Schreiben, seinem Denken, seinen Themen zu schaffen. Über die gezielte Auswahl von Sprechenden, allesamt Kinder und Menschen, die nicht Deutsch als Muttersprache sprechen, gelingt es [...], das Lesen des Texts vom Verstehen eben dieses zu entkoppeln. So bleibt dem Text jedwede Art von Einfühlung versagt [...]; die Erzeugung von Bedeutung vermöge der überlegten Hervorhebung über den talentierten Vortrag, wie ihn etwa SchauspielerInnen praktizieren, entfällt. [...] Mit einem Wort, man kann Dichter lesen, ohne ihn zu verstehen oder ihn verstehen zu müssen; andersherum: man braucht Dichter nicht zu verstehen, um ihn lesen zu können. Der Empathie, die Dichter und seine MitarbeiterInnen gegenüber ihren Probanden aufbrachten, um deren geheime und unbewusste
(Kauf-)Motivationen zu entschlüsseln, steht so das gerade Gegenteil, was die Realisierung des Texts im Vortrag angeht, gegenüber beziehungsweise hat sich die hehre Empathie ironischerweise auf die Entzifferung einzelner Buchstaben und Wörter verlagert. ... Letzten Endes steht durch diese installative De-Komponierung das Werk Dichters erneut zur Disposition. Hören Sie sich das an!



Sandra Popenstingl, ARTSYMAGAZINE, September/Oktober 2007 (Übersetzung Rex Stätter und Hedwig Tremonter
unter Mithilfe von Fred Stain)



dichterherbst1

dichter
fotos: wienstation

bussi.tv   wien kultur   elektro sumetzberger wienstation     lerchenfelder gürtel     bogen 28     1080 wien